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(Motto: Tres faciunt Collegium!)
von Johanna Hirschfelder (Bonn)


Am 28. Januar 1944 legten wir unsere Reifeprüfung an der Oberschule für Jungen (früher Reform-Realgymnasium, heute Humboldt-Gymnasium) in Bad Pyrmont ab. Eine scheinbar simple, jedes Jahr wiederkehrende Tatsache, aber schon darf man fragen: „Was heißt in diesem Fall wir?"
Unser letztes Schuljahr 1943/44 begann mit der Klasse 8 (n.d. Grundschulzeit, d.Redaktion)im August 1943; Schülerzahl 26 davon 23 Jungen und 3 Mädchen. Bis zu den Weihnachtsferien hatte sich die Zahl der „männlichen" Schüler auf drei reduziert, der Rest war im Laufe der Monate zum Militärbzw. Arbeitsdienst eingezogen worden. Die restlichen 6 Schüler/innen hatten vor den Ferien die Zulassung erhalten. Die Prüfung sollte im Monat März stattfinden...
Als wir am 11. Januar nach Beendigung der Weihnachtsferien in die Schule zurückkehrten, waren nur noch wir 3 Mädchen übriggeblieben. Außerdem wurde uns sofort angekündigt, dass die Reifeprüfung laut „Erlaß" des Kultusministeriums Hannover bis zum 28. Januar beendet sein müsse". Das hieß für uns restliche Abiturientinnen, sich in 17 (!!) Tagen auf die Prüfung vorzubereiten. Unsere Lehrer, selbst überrascht von dem zeitigen Termin, standen uns in dieser Zeit sehr hilfreich zur Seite. Es mussten die Abiturarbeiten in Deutsch, Latein, Mathematik und Französisch geschrieben werden (Wir waren die letzte Klasse, die als erste Fremdsprache Französisch gelernt hatte). Gleichzeitig galt es, sich auf die mündliche Prüfung vorzubereiten. Und das war noch nicht alles: Laut „Vorschrift" war zunächst das sogenannte „Turnabitur" zu bestehen, d.h. man mußte es mindestens mit der Note „Ausreichend" abschließen, andernfalls konnte man vom „Regelabitur" ausgeschlossen werden. Das hört sich in der heutigen Zeit „absurd" an, wir aber mußten es total ernst nehmen. Da wir drei Mädchen in diesem „Fach" nicht gerade „olympiaverdächtig" waren, bedeutete das für uns zu üben, damit wir wenigstens die „sog. Pflichtübungen" (Gymnastik, Pferd, Barren, Reck, Bock, Stangen) einigermaßen bewältigen konnten. Man erlaubte uns sogar, die Turnhalle zum Üben in den späten Nachmittagsstunden zu benutzen. Die Jury für diese Prüfung bestand aus unserem damaligen Direktor Dr. Becker, einem Turnlehrer und unserer langjährigen Turnlehrerin Fräulein Gerlach. Gott sei Dank verlief alles zu allgemeinen Zufriedenheit: niemand wurde vom Abitur ausgeschlossen!
Natürlich begannen auch die Vorbereitungen für die schriftlichen Abiturarbeiten, die in den folgenden 10 Tagen geschrieben wurden; d.h. uns wurden unbekannte Vokabeln für die französischen und lateinischen Klausuren diktiert, die „auswendig" zu erlernen waren. Im Deutsch-Unterricht diskutierten wir über etliche Fragen (auch politische .".) und Themen, wobei natürlich offen blieb, was in der Arbeit letztendlich erfragt wurde. Schwierig war die Lage der Dinge in Mathematik. Unser langjähriger „Fachlehrer", von dem später noch die Rede sein soll, war zum 1. Januar 1944 pensioniert worden. Die Schule hatte zwar einen jungen Mathematik-Lehrer als „Ersatz" bekommen, aber er kannte uns nicht und wir natürlich nicht seine Methode, was zu Schwierigkeiten auf beiden Seiten führte. Letztendlich hat er dann einen akzeptablen Modus gefunden - ob für uns akzeptabel, muss hier offen bleiben... Außerdem hatten wir uns noch auf die mündliche Prüfung vorzubereiten. Extra in der Woche vom 17. - 22. Januar 1944 schrieben wir die schriftlichen Arbeiten, die Themen möchte ich hier - so weit ich mich erinnere, angeben:
Französisch (s.o.: Wir waren die letzte Klasse, die mit französisch als erster Fremdsprache begonnen hatte): Charlotte Corday' - eine Nacherzählung; Latein: Bellum Gallicum Buch VII oder VIII vermutlich, eine Übersetzung; Deutsch: Ist die Erfindung des Radios der Buchdruckerkunst vorzuziehen?'; Mathematik: Aufgaben nach Pythagoras und Analytische Geometrie der Ebene.
Zur mündlichen Prüfung ist einiges anzumerken: Jede(r) Abiturient(in) wurde - laut Vorschrift des „Reichskultusministeriums" - in Biologie geprüft, und zwar unter der Prämisse: Vererbungslehrer, Rassengesetze. Die mir zugedachte Prüfungsfrage lautete: „Welche politische Maßnahmen ergeben sich notwendig aus der Vererbungslehre?" (Ich fand den Zettel zufällig noch unter alten Schulheften). Über diese Frage war ein Vortrag von ca. 20 Minuten zu halten, Vorbereitungszeit: 15 Minuten - das galt auch für alle anderen Prüfungsfragen... Man konnte außerdem schon bei der Bewerbung um Zulassung zum Abitur ein „Wahlfach" angeben, in dem man auf jeden Fall geprüft wurde. Es hing wohl vom Ergebnis der schriftlichen Arbeiten ab, in welcher Disziplin der/die Abiturient(in) zusätzlich zu prüfen war... Da wir nur 3 Schülerinnen waren, die zur Prüfung anstanden, wurde diese auf den Nachmittag 14:00 Uhr des 28. Januar 1944 gelegt, d.h. alle übrigen Schulklassen bekamen nicht - wie sonst üblich! - schulfrei.
Wenigstens noch eine Prüfungsfrage in Deutsch möchte ich hier erwähnen: Faust: „Dir gleich ich nicht, zu tief ist es gefühlt, dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwühlt!"
Ca. um 19:00 Uhr war die Prüfung beendet, in unserem Klassenzimmer saßen wir auf den Bänken und warteten auf das Ergebnis.
Endlich rief man uns ins Lehrerzimmer, um uns das Ergebnis mitzuteilen: Wir hatten bestanden!! Alle gratulierten uns, der Direktor sagte uns, wir können am Montag, den 31. Januar 1944, unsere Zeugnisse im Direktorenzimmer abholen. Natürlich waren wir darüber enttäuscht, denn im allgemeinen fand eine Abschiedsfeier in der Aula für die Abiturienten statt, wo der Klassenlehrer und der Sprecher der nächstfolgenden Klasse eine Rede hielten, ebenso wie der Direktor, aus dessen Hand man die Zeugnisse entgegen nahm. Dazu sang der Schulchor, dem wir selbst so lange Jahre angehört hatten, für die zu Verabschiedenden das Lied: „Nun ertönt die Abschiedsweise und die Scheidestunde schläft..." Das alles fiel für uns... wem und warum auch immer... zum Opfer...
Wir, d.h. nur Frau Brocksiepe-Dickmann, denn die „dritte im Bunde" musste aus familiären Gründen plötzlich nach Mecklenburg reisen und bekam ihr Zeugnis zugeschickt - erschienen am 31. Januar 1944 beim Direktor, um unser „Dokument" in Empfang zu nehmen, was mehr oder weniger „zwischen Tür und Angel" geschah...
Was allerdings unsere ehemaligen Lehrer von uns erwarteten, war ein Abschiedsbesuch und den beschlossen wir auch durchzuführen - allerdings erst dann, wenn wir unsere Einberufung zum Reichsarbeitsdienst (RAD) erhalten hätten, die auch nicht lange auf sich warten ließ, denn ohne RAD und (oder) Kriegshilfs-/Ausgleichdienst kein Studium!! Nachdem wir den „Bescheid", auch „UKAS" genannt, erhalten hatten, starteten wir unsere ,Besuchstour', die sehr nett verlief. Wir lernten unsere Lehrer von einer ganz anderen Seite kennen. Unser von uns ebenso geliebter wie verehrter Geschichts- und Deutschlehrer Dr. Mehrdorf begrüßte uns als „Kommilitoninnen", obwohl wir doch gerade erst 'mulae' waren. Alle gaben uns gute Ratschläge für die Zukunft und wünschten uns das Beste, was man nicht im einzelnen auszuführen braucht. Uns wurde allerdings auch deutlich vor Augen geführt, dass uns schwierige Zeiten bevorstünden, was sich in der Folgezeit auch bitter bewahrheiten sollte!
Als wir unsere „Besuchsrunde" abgeschlossen hatten, fanden wir es fair, auch unserem ehemaligen Mathematik-Lehrer Dr. Weitzel, einen Besuch abzustatten, von dem schon kurz die Rede war! Er war ein kleiner Mann - Spitzname DKW - mit großem Wissen auf vielen Gebieten. Er war Fachlehrer für Mathematik, Physik und Chemie, war aber auch ohne weiteres imstande, Unterricht in Biologie, Erdkunde u.a. zu geben. Er war nicht gerade sehr beliebt, erst, wenn man ihn näher kennenlernte, d.h. älter wurde, begann man seine Fähigkeiten zu erkennen und zu schätzen. „Mädchen insgesamt" - wie er uns
zu nennen pflegte - traute er auf mathematisch/naturwissenschaftlichem Gebiet nicht viel zu, war aber andererseits auch fair genug, unsere Fähigkeiten - so vorhanden - auch anzuerkennen... Wir wollten natürlich gern wissen, warum er nicht zu unserer Prüfung erscheinen durfte... Er freute sich sichtlich, uns zu sehen, zu erfahren, dass wir ihn nicht ausschlossen... Natürlich gab es etliche Gründe für sein plötzliches ausscheiden, obwohl das bei dem damals herrschenden Lehrermangel ungewöhnlich war. Aber „DKW" hielt nie - was in der Zeit sehr undiplomatisch war - den Mund und nahm zu politischen Fragen indirekt auch im Unterricht Stellung. Und das geschah z.b. folgendermaßen: Er erschien zum Unterricht mit einer Zeitung unter dem Arm, setzte sich aufs Katheder und las uns z.b. einige Sätze aus einer „Führerrede" des Jahres 1938 vor, wobei er das Datum nannte! Wie bekannt, hielt der „Führer" an „politischen" Feiertagen (9. November, 30. Januar etc.) lange Reden, die sich die Bevölkerung anhören musste (möglichst!). Dass seine Reden 1942 einen ganz anderen, ja „konträren Tenor" hatten als 1938 liegt auf der Hand... DKW faltete nach der Verlesung sorgfältig seine alte Zeitung zusammen und sagte: „Sie haben ja gestern (1942) seine Rede gehört, nun vergleichen Sie die mal mit der von 1938!" Mehr nicht! Er wollte uns zwingen, nachzudenken, da er wusste, dass der „totale Staat" uns gerade das abgewöhnen wollte... (das habe ich jedenfalls bis heute nicht vergessen!). Außerdem sagte er zu Beginn der Stunde nie „Heil Hitler", wie es die Vorschrift Gebot, sondern kam mit seinem Hut auf dem Kopf in die Klasse, hob lässig die rechte Hand hoch und murmelte etwas, wobei er sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. In den höheren Klassen haben wir dann auch nicht mehr geantwortet. Vielleicht war sein „Fehlverhalten", von wem auch immer, an „höhere Instanzen" weitergemeldet worden. Er wurde - wie gesagt - pensioniert. Was ihn allerdings erbitterte und was er uns gegenüber auch ausdrückte, war, dass man ihn nicht die drei Wochen Frist zugebilligt hatte, uns in Mathematik und Physik/Chemie durchs Abitur zu begleiten. „Man hat mich nicht gebeten." sagte er „Ihretwegen tut mir das sehr leid, aber unter diesen Umständen konnte ich mich nicht anbieten..."
Nach all diesen Besuchen fiel es uns nicht schwer, unsere Lehrer in guter Erinnerung zu behalten. Dass wir allerdings in unserer Schule auch ein fundiertes Wissen vermittelt bekamen, habe ich später immer wieder - auch im Vergleich! - feststellen können, ganz besonders während meines Studiums. Da ich an der hiesigen Bonner Friedrich-Wilhelm-Universität heute noch als Gasthörerin Vorlesungen und Seminare besuche, gilt diese Feststellung bis zu heutigen Tag!!

Bonn, im Februar 2004
Johanna Hirschfelder-Holzmann