
Sehr geehrte Damen und Herren,
vor einigen Tagen hatte ich Geburtstag. Und wie es so allgemein üblich ist, wird dem zu Feiernden alles Gute und beste Gesundheit für die Zukunft gewünscht. Das ist sicherlich recht lobenswert, aber dabei sind mir Gedanken nicht nur für die Zukunft, sondern eigentlich noch mehr über meine Vergangenheit gekommen, über die vielen Stationen und Abschnitte, in dessen ich mich im Laufe meines inzwischen 77jährigen Lebens aufgehalten, durchwandert oder einfach nur erlebt habe, unter anderem auch meine Zeit in Bad Pyrmont somit eine gedankliche Reise durch meine Vergangenheit.
Nach einigen Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft ich wurde bereits als Fünfzehnjähriger zur Marine als sogenannter Marinehelfer zur Luftabwehr an der Nordseeküste eingezogen, als Siebzehnjähriger in die Wehrmacht übernommen und geriet nach einigen Wochen bereits in Stettin in Gefangenschaft wurde ich als Schwerkriegsbeschädigter nach Bad Pyrmont entlassen, wo ich ein Jahr in den damaligen Hilfslazaretten „Hans Seebohm“, „Haus Wiesenblick“, dem „Sonnenhof“ und im Kurhaus völlig eingegipst verbrachte. Daran anschließend wohnte ich weitere neun Monate im Versehrtenheim in der Bismarckstraße, von wo ich täglich zum Gymnasium in die Bahnhofstraße / Ecke Humboldtstraße lief, um das sogenannte kriegsbedingte Notabitur in ein Zeugnis und eine damit verbundene gymnasiale Abschlussprüfung umzuwandeln. Wie das seinerzeitige Zeugnis eines Abiturienten, der die sittliche und moralische Reife für das bevorstehende Arbeits- und Berufsleben bescheinigt bekam, aussah, lege ich Ihnen in Fotokopie mit ein, das Reifezeugnis vor 55 Jahren.
Wenn dieses Zeugnis auch keine hervorragenden Noten ausweist, so war für mich diese Schulzeit in Bad Pyrmont die schwierigste Lernzeit, die ich jemals durchgemacht habe; denn man bedenke, dass ich vorher diverse Jahre zwangsmäßig „vom Unterricht entfernt“ war und dann in meiner „Pyrmonter Zeit“ den früheren Lernstoff wiederholen und das Pensum der Klasse Prima völlig neu erlernen musste. Das im Krieg erteilte Notabitur wurde nämlich mit der Versetzung in die oberste Klasse erteilt, weil wir damals altersmäßig an der Reihe waren, den militärischen Kriegsdienst für „Führer, Volk und Vaterland“ zu erfüllen und eingezogen wurden. Der in den Nachkriegsjahren erteilte Schulunterricht glich in etwa den Vorlesungen an einer Universität, denn es gab keine neuzeitlichen Lehr- und Lernbücher und nur wenig Schreibpapier, so dass wir Schüler auf alte Bücher von Freunden und Verwandten aus der Vorkriegszeit angewiesen waren. Den meisten uns vorgetragenen Wissensstoff mussten wir mehr oder weniger stenografisch mitschreiben oder haben nachmittäglich oder nachts mit mehreren Mitschülern zusammen gesessen, um das vom Lehrer Vorgetragene uns gemeinsam gegenseitig einzutrichtern. Noch heute besitze ich mein damaliges Physik-Heft, aus dem ich dann zur Abschlussprüfung mein Wissen rekapitulierte und auffrischte.
Von meinen damaligen Mitschülern weiß ich nur, dass
1. Herr Fritz Norrenberg, mit dem ich lange Zeit Kontakt hatte, wahrscheinlich Anfang 1997 in Essen verstorben ist.
2. Herr Wolf Dietrich Limpricht im AWO-Seniorenheim in 57223 Kreuztal/Westfalen, in der Nähe von Siegen lebt.
3. Zu Herrn Max Grüner, der 1957 noch in Hannover und später in Hamburg wohnte, habe ich seit über 40 Jahren keine Verbindung mehr.
Ansonsten sind mir die Namen: Bielefeldt, Ulrich Nesch, Dieter Scholaster und Pellizeus noch im Gedächtnis, ohne jedoch nach 1949 eine Verbindung zu diesen Herren gehabt zu haben.
Wahrscheinlich sind die meisten meiner Mit-Notabiturienten schon nicht mehr am Leben und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht die Lehrer, an die ich mich noch namentlich erinnern kann. Außer Herrn Dr. Radebrecht (Oberstudiendirektor) waren da noch Stud.-Rat Lehmgrübner und Stud.-Rat Wilhelm Kaminski, der damals in Pyrmont in der Herminenstr. 8 wohnte. Weitere Namen sind mir entfallen.
In meine „Pyrmonter Zeit“ gehört auch die Erinnerung an das Osterräder-Rollen in Lügde, das wir „Mulis“ (kein dummer Esel mehr, aber auch noch kein Arbeitspferd) per pedes ansteuerten, sowie das Cafe Landwehrmann in der Hauptallee, das wir mangels Kleingeld leider nicht sehr oft besuchen konnten.
So, dass waren meine Gedanken an die „Pyrmonter Zeit“, vielleicht ein kleiner Beitrag zur Chronik der damaligen Oberschule mit gymnasialem Zweig der mathematischen Richtung in Bad Pyrmont.
Zum Schluß wünsche ich Ihnen allen weiteres gutes Gelingen und Erfolg Ihrer Arbeit und weiterhin einen guten Ruf dieser Schule als Bildungsanstalt.
Freundliche Grüße übermittelt und angenehme Pfingsttage wünscht Ihnen der ehemalige Pyrmonter Pennäler Berndt Lutz.
Worms, im Mai 2004